Die renommierte südafrikanische Künstlerin Gabrielle Goliath sorgt für Schlagzeilen, die weit über die Kunstwelt hinausgehen. Was als prestigeträchtiger Beitrag für die 60. Biennale di Venezia (2024) begann, mündet nun in einem brisanten Rechtsstreit vor dem Western Cape High Court in Südafrika.

© Bild: Gerda Arendt, CC0, via Wikimedia Commons
Worum geht es in dem Konflikt?
Im Kern des Streits steht Goliaths Werk „Personal Accounts“, eine eindringliche Video-Installation, die sich mit den Erfahrungen von Überlebenden geschlechtsspezifischer Gewalt auseinandersetzt.
Die Künstlerin wirft dem südafrikanischen Department of Sport, Arts and Culture (DSAC) sowie der ausführenden Agentur schwere Versäumnisse vor. Goliath behauptet, die zugesagten finanziellen Mittel seien nicht rechtzeitig oder nur unvollständig geflossen. Es gibt Unstimmigkeiten über die Kontrolle und die Rechte an dem produzierten Material. Durch die organisatorischen Mängel sieht die Künstlerin ihre professionelle Integrität und die Sicherheit der beteiligten Probanden gefährdet.
Warum dieser Fall so bedeutend ist
Dieser Rechtsstreit ist mehr als nur eine private Klage. Er beleuchtet die systemischen Probleme bei der staatlichen Förderung von Kunst in Südafrika:
Viele Künstler kritisieren seit Jahren die intransparente Vergabe von Geldern durch das DSAC.Die Ethik der Kunst: Da Goliaths Arbeit traumatisierte Menschen porträtiert, wiegt der Vorwurf der organisatorischen Nachlässigkeit besonders schwer – es geht um den Schutz der Teilnehmenden.
Die Biennale ist die „Olympiade der Kunst“. Ein solcher Rechtsstreit wirft ein Schattenlicht auf die südafrikanische Kulturpolitik auf globaler Bühne. Es geht nicht nur um Geld, sondern um die Anerkennung der Arbeit und den Respekt gegenüber den Stimmen, die in ‚Personal Accounts‘ zu Wort kommen.“ – Ein Tenor aus dem Umfeld der Künstlerin.
Wie geht es weiter?
Das Oberste Gericht muss nun klären, inwieweit staatliche Stellen für die logistischen und finanziellen Missstände verantwortlich gemacht werden können. Für die Kunstwelt bleibt zu hoffen, dass dieser Fall zu einer Reform der Förderstrukturen führt, damit Künstler sich wieder auf das Wesentliche konzentrieren können: ihre Botschaft.
Goliaths Arbeit ist tief in der südafrikanischen Realität verwurzelt, spricht aber eine universelle Sprache von Schmerz und Heilung. Ihre Werke sind oft partizipativ und auditiv geprägt.
- „This song is for…“ (2019): Eines ihrer bekanntesten Werke. Hierfür arbeitete sie mit Überlebenden sexueller Gewalt zusammen. Jede Person wählte ein Lied aus, das für sie eine besondere Bedeutung hat. In der Installation wird dieses Lied jedoch durch eine „Schleife“ (einen Skip) unterbrochen – ein klangliches Äquivalent zum Trauma, das den Lebensfluss stoppt.
- „Elegy“ (Langzeitprojekt): Eine Serie von rituellen Performances, bei denen Sängerinnen über Stunden hinweg einen einzigen Ton halten, um an Frauen zu erinnern, die durch geschlechtsspezifische Gewalt in Südafrika getötet wurden. Es geht um das Sichtbarmachen des Verlusts jenseits von bloßen Statistiken.
„Personal Accounts“ (Venedig 2024): Das aktuelle Streitobjekt
Die Installation für die Biennale ist eine Weiterentwicklung ihres Ansatzes. In den Videos sieht man Überlebende, die ihre Geschichte erzählen – jedoch wurde die Tonspur so bearbeitet, dass man nur das Atmen, das Schlucken und die Pausen hört. Das Sprechen über das Trauma wird als körperliche Anstrengung spürbar gemacht.
Der Kern des Rechtsstreits vor dem Obersten Gericht:
Goliaths Klage gegen das Department of Sport, Arts and Culture (DSAC) und die Agentur T-Sizung stützt sich auf folgende Vorwürfe, die nun juristisch geprüft werden:
- Die Sicherheit der Teilnehmenden: Da die Künstlerin mit traumatisierten Menschen arbeitet, sind ethische Protokolle (Security, psychologische Betreuung) essenziell. Goliath argumentiert, dass durch die Budgetkürzungen und Zahlungsverzögerungen diese Schutzmaßnahmen nicht wie vertraglich vereinbart gewährleistet werden konnten.
- Finanzielle Intransparenz: Es steht der Vorwurf im Raum, dass Gelder, die für die Produktion in Venedig vorgesehen waren, innerhalb der bürokratischen Kette „verschwunden“ sind oder zweckentfremdet wurden.
- Künstlerische Freiheit vs. Staatliche Kontrolle: Der Prozess stellt die Frage, wie viel Einfluss ein Staat auf ein Werk haben darf, das er finanziert – insbesondere, wenn das Werk eine kritische soziale Realität des Landes thematisiert.
Bedeutung für die Zukunft
Sollte Gabrielle Goliath vor dem Western Cape High Court gewinnen, könnte dies ein Präzedenzfall für die gesamte südafrikanische Kulturbranche werden. Es würde bedeuten, dass das Ministerium für seine (Nicht-)Handlungen direkt zur Rechenschaft gezogen werden kann und Künstler eine stärkere rechtliche Absicherung gegenüber staatlichen Institutionen erhalten.
Beitrag:
Kultur Online FM
Andreas Schwarz
















