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Echo der Stille: Venedig 2026 zwischen Radikalität und Resonanz

Die 61. Biennale di Venezia tritt unter dem Titel „In Minor Keys“ als großes Paradoxon auf. Ursprünglich hatte sie die verstorbene Kuratorin Koyo Kouoh als ein Plädoyer für das Leise und Intime geplant, doch das Kunstereignis in der Lagune (bis 22. November 2026) hat sich inzwischen zu einem äußerst emotionalen Kraftfeld entwickelt. Es ist eine Ausstellung, die das Spektakel zwar offiziell zurückweist, es aber durch ihre reine Intensität immer wieder aufs Neue erzeugt.

Im Mittelpunkt der öffentlichen Debatte steht der österreichische Pavillon. Florentina Holzinger macht aus dem Kunstraum einen regelrechten anarchischen Ausnahmezustand. Mit rotierenden Schnellbooten, nackten Performerinnen und einem Kreislaufsystem, das buchstäblich durch den Urin der Besucher gespeist wird, sprengt sie sämtliche Konventionen. Wenn hier die Polizei einschreitet, scheint das fast wie ein geplanter Bestandteil der Performance zu funktionieren ein radikaler Kontrollverlust, der die Grenze zwischen Betrachter und Werk völlig aushebelt.

Während manche Pavillons auf einen Überbietungsmodus des Exzesses setzen, verfolgt Deutschland eine Form von kontrollierter Akkumulation. Sung Tieu und Henrike Naumann verzichten dabei bewusst auf die große Geste der Zerstörung. Stattdessen machen sie mit alltäglichen, symbolisch aufgeladenen Objekten Geschichten über Migration, Bürokratie und ostdeutsche Identität sichtbar.

Am tiefsten greift Kouohs Idee der „Molltonarten“ allerdings dort ein, wo der westliche Kanon verschoben und dezentriert wird. Die afrikanische Künstlerin Lubaina Himid bringt die nationale Idylle ins Wanken mit monumentalen Porträts schwarzer Architekten und Köche. Deren flüchtige Blicke lassen ein spürbares Unbehagen unter der glatten Oberfläche hervortreten.

Opening Grenada Pavilion Biennale 2026 Alexandra Kordas

Unter dem Titel „Die Poetik der Korrespondenz“ zeigt der Inselstaat, wie sich globale Krisen leise in andere Kontexte übersetzen lassen. Die Skulptur „The World Is Falling Apart“ der deutschen Künstlerin Alexandra Kordas steht hier als Mahnmal für das Fragile: Zerfall wird nicht als endgültiges Ende verstanden, sondern als eine notwendige Neuordnung.

Die Biennale 2026 ist eine Suche nach der richtigen Frequenz. Zwischen dem Lärm des Protests (etwa von Gruppen wie Pussy Riot) und der unterschwelligen Kraft stiller Räume zeigt Venedig, dass Kunst im Übergang vor allem eines braucht: die Bereitschaft zur Resonanz jenseits der lauten Geste.

Beitrag: Markus Kogler

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