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Der Polit-Talk als Wohlfühl-Oase: Wenn die „Härte“ an der Kaffeetasse zerschellt

Wer mit großem Pathos antritt, um den vom Spiegel so betitelten „gefährlichsten Mann Deutschlands“, den AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund, im Format „Ungeskriptet“ von Podcaster Ben Berndt in die Mangel zu nehmen, sollte eigentlich bestens vorbereitet sein und kritisch nachhaken. Doch der Podcaster schickt dem Gespräch eine bequeme Ausrede voraus: Er sei ja schließlich kein Journalist, sondern wolle nur zuhören. Mit dieser Masche versucht er, sich als neutraler Unwissender zu inszenieren.

Das hat jedoch einen gewaltigen Haken: Wenn man sich Gäste einlädt und über hochpolitische Themen diskutiert, mag man zwar im privaten Rahmen agieren und seinen Podcast als Marke aufbauen wollen. Doch selbst abseits des Profi-Journalismus käme jeder normale Mensch auf die naheliegende Frage: Wie rechtfertigst du eigentlich die Arbeit für eine Partei, deren Teile offenes rechtsextremistisches Gedankengut vertreten? Was ist mit einem Björn Höcke, der Frauen- und Kinderrechte abschaffen will, und den teils vielen rassistischen Aussagen anderer Abgeordneter sowie der Wählerschaft? Beispiele dafür gäbe es wahrlich genug.

Stattdessen liefert Ben Berndt ein Format ab, das eher an eine gemütliche Kaffeerunde im Schrebergarten erinnert, anstatt dem Spitzenkandidaten der in Teilen rechtsextremen AfD kritisch auf den Zahn zu fühlen. Besonders fragend war für uns auch das Gespräch über die Beschäftigung von Familienmitgliedern in der AfD. Elegant wurde das Thema abmoderiert, und es gab keine kritische Nachfrage dazu, dass diese Mitarbeiter teilweise überhaupt nicht in den Büros angetroffen wurden – egal ob Verwandte oder andere Angestellte.

Im Gegenteil: Siegmund begrüßte das sogar und stellte stattdessen in den Raum, wie es überhaupt möglich gewesen sei, dass diese Informationen an die Medien weitergeleitet wurden. Eine erstaunliche Reaktion, auf die der Host nicht etwa kritisch einging, sondern sie mit dem Kommentar relativierte, ob das bei anderen Parteien schließlich nicht genauso gemacht werde. Das wirft für uns die Frage auf: Steckt dahinter bei Ben Berndt ein eigenes Kalkül, ist er insgeheim ein Sympathisant dieser Partei, oder kann er es einfach nicht besser? Man kann es sich aussuchen.

Die große „Challenge“ für die Galerie

Im Vorfeld großspurig angekündigt, die politische Agenda „challengen“ zu wollen, knickt der Host nach den ersten Minuten ein wie ein billiger Klappstuhl. Man stellt fest: Die AfD habe ja „in der Sache viele Argumente“. Klar, wer den politischen Gegner erst einmal mit Samthandschuhen anfasst, braucht sich über mangelnden Widerstand vor so einem Kniefall nicht zu wundern.

Die Opferrolle als „großer Glücksgriff“

Man muss sich auf der Zunge zergehen lassen, wie hier das Potsdamer Geheimtreffen von Ende 2023 umgedeutet wird. Ein Treffen, bei dem über die Vertreibung von Millionen Menschen fabuliert wurde, verkauft Siegmund im gemütlichen Podcast-Sessel mal eben als lockeres Networking-Event und „Glücksgriff“. Und der Podcaster? Nickt vermutlich verständnisvoll. Wenn rechtsextreme Vernetzung und Deportationsfantasien im Nachhinein als cleverer Wahlkampfturbo gelabelt werden, läuft im medialen Diskurs gewaltig etwas schief. Kein kritisches Nachbohren, keine historischen Vergleiche – stattdessen kriegt der Protagonist eine unendliche Bühne, um seine Opfer-Täter-Umkehr salonfähig zu machen.

Wenn Siegmund behauptet, in „99,9 Prozent“ der Fälle herrsche in der Partei eitel Sonnenschein und absolute Einigkeit, müsste bei jedem selbst ernannten „Nicht-Journalisten“ sofort die rote Lampe angehen. Doch im Podcast wird diese steile These einfach so stehen gelassen. Dass eine radikale Partei, die in weiten Teilen vom Verfassungsschutz beobachtet wird, auf Bundes- und Landesebene angeblich völlig reibungslos an einem Strang zieht, wird nicht seziert, sondern schluckfertig serviert.

Der Tag eins im neuen Reich: Wenn der „Knopfdruck“ das Grundgesetz ersetzt


Am Ende steht hier kein journalistisches Dokument, das Machtstrukturen durchleuchtet, sondern eine perfekt inszenierte Werbeveranstaltung im Gewand des unzensierten Alternativ-Medien-Talks. Wer sich vier Stunden lang hinstellt, um zu verstehen, „wie die ticken“, ohne ihnen auch nur einmal ernsthaft weh zu tun, liefert keine politische Aufklärung. Er liefert ihnen schlicht die Mikrofone, von denen sie träumen – und verwechselt anbiedernde Neugier mit Aufklärung. Im Gegenteil: Durch eigene Zustimmung und kurze Anekdoten des Hosts könnte man zeitweise das Gefühl bekommen, ob dieser Mann nicht insgeheim ein Sympathisant dieser Partei ist.

Inhaltlich haben wir uns noch einige Themen herausgesucht, die von Ulrich Siegmund in dieser Wohlfühlveranstaltung angekündigt wurden.

Der Griff nach dem Staatsvertrag

Siegmund kündigt an, am liebsten sofort den Medienstaatsvertrag kündigen zu wollen. Dass dafür laut Gesetz ein Landtagsbeschluss nötig ist und keine autoritäre Hauruck-Aktion? Egal, winkt er ab: „Das dauert halt einen Monat länger.“ Wenn demokratische Hürden und Gewaltenteilung im Eiltempo weggewischt werden sollen, zuckt der mögliche künftige Ministerpräsident nur müde mit den Schultern.

Politik per Knopfdruck

Noch absurder wird es bei der Migrationspolitik. Die Einführung einer Arbeitspflicht will Siegmund mal eben „mit einem Knopfdruck“ über das Innenministerium regeln. Gesetze, Parlamente oder gar rechtliche Prüfungen? Braucht man offenbar alles nicht, wenn erst der politische Wille da ist. Die Gewaltenteilung im Staat mutiert hier zur reinen Formsache für den heimischen Schreibtisch.

Thema Remigration

Beim Thema „Remigration“ wird beschönigt, was das Zeug hält. Man redet sich den Begriff als harmlose „Definitionsfrage“ schön – bis es konkret wird. Wenn aus einer regulären Aufnahmeeinrichtung flugs eine „Abschiebehaftanstalt“ werden soll und Podcaster Berndt das Ganze charmant zum „Rückstromhaus“ umtauft, wird der blanke Zwang in gemütlicher Runde salonfähig oktroyiert.

Umsetzung Personal

Wer soll das alles umsetzen? Sicherlich nicht das bestehende Personal. Siegmund rechnet ganz pragmatisch mit 150 bis 200 neuen, linientreuen Leuten, denn mit dem Büroleiter eines ehemaligen SPD-Ministers könne man schließlich keine „konservative Politik“ machen. Beamten, die nicht spuren oder „Sand ins Getriebe streuen“, wird direkt mit disziplinarischen Konsequenzen gedroht. Kritik oder ein eigener Kopf im Staatsapparat sind unerwünscht.

Streichkonzerte für die Zivilgesellschaft

Und auch für unliebsame Nichtregierungsorganisationen (NGOs) hat Siegmund den Rotstift schon gezückt. Die Förderungen sollen „so schnell wie möglich“ gekündigt werden – am besten in den ersten Tagen. Wer die Regierung kontrolliert oder zivilgesellschaftliche Gegenwichtung betreibt, fliegt eben raus.

Unser Fazit

Am Ende hat man hier erneut eine perfekt inszenierte Werbeveranstaltung ohne wirklich kritische Nachfragen bei den vielen Themen gesehen, die von Siegmund angesprochen wurden – und das alles im Gewand des unzensierten Alternativ-Medien-Talks. Wer sich vier Stunden lang hinstellt, um zu verstehen, „wie die ticken“, ohne ihnen auch nur einmal ernsthaft weh zu tun, liefert keine politische Aufklärung. Er liefert ihnen schlicht die Mikrofone, von denen sie träumen, und verwechselt anbiedernde Neugier mit Aufklärung.

Beitrag / Kommentar Markus Kolger

Themen: Podcasts „Ungeskriptet“

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