Das Wiener queer-feministische Filmfestival QUEERTACTICS schlägt in seiner siebten Ausgabe die Brücke zwischen politische Positionierung und ästhetisch anspruchsvollem Kinoraum. Den Auftakt im Stadtkino im Künstlerhaus markiert die Österreichpremiere des brasilianischen Spielfilms London, der bei den 83. Filmfestspielen von Venedig mit dem renommierten Queer Lion prämiert wurde.

Im Mittelpunkt des Dramas steht der junge London (gespielt von Co-Regisseur Victor Di Marco selbst), ein queerer Mann mit Behinderung, der in einem Fetisch-Studio in São Paulo als Dominant arbeitet. Seine hart erarbeitete Selbstbestimmtheit gerät ins Wanken, als eine medizinische Untersuchung die Möglichkeit bietet, seiner Behinderung eine konkrete Diagnose zu geben. London steht vor der Frage, ob eine medizinische Typisierung seine hart erkämpfte Identität und Freiheit einschränken würde.
Rezension (Filmkritik: London)
Bewertung: ★★★★★ (5 von 5 Sternen)
Ein herausragendes Manifest über Begehren, Behinderung und individuelle Freiheit
London bricht radikal mit gängigen filmischen Klischees rund um Körperlichkeit, Ableismus und Begehren. Das Regieduo Di Marco und Picoli inszeniert das Zusammenspiel aus sexuellem Empowerement und eigener Vulnerabilität mit enormer visueller Kraft und filmischer Souveränität.
Stärken
- Radikale Perspektive: Der Film verweigert den fremdbestimmten, mitleidigen Blick auf Menschen mit Behinderung. Er zeichnet Subkultur, Sexualität und Körperlichkeit als Orte der Macht, der Selbstermächtigung und der Wahlverwandtschaft.
- Eindrucksvolle Hauptrolle: Victor Di Marco trägt das Werk in einer physisch und emotional präzisen Performance. Sein Spiel macht das Spannungsfeld zwischen dem Wunsch nach medizinischen Antworten und der Angst vor Vorurteilen und Kategorisierungen greifbar.
- Visuelle Subtilität: Die Kameraarbeit fängt die Intimität der Räume in São Paulo in warmen, vielschichtigen Bildern ein, ohne in Ästhetisierung zu verfallen.
Schwächen
- Narrative Verknappung: Einzelne Motive der Nebenfiguren im Fetisch-Studio bleiben im Schatten der Hauptfigur und hätten zusätzliche Entfaltung vertragen können.
Fazit
Ein mutiger, preisgekrönter Eröffnungsfilm, der den Ton für das Festival setzt. London zeigt Arthouse-Kino von hoher Relevanz – kompromisslos, berührend und visuell nachhaltig impressiv.
Key-Facts zum Festival
- Eröffnung Gala: 11. November 2026, 20:30 Uhr im Stadtkino im Künstlerhaus (in Anwesenheit von Co-Regisseur und Hauptdarsteller Victor Di Marco).
- Festivalprogramm: Laufzeit bis 15. November 2026 im Admiral Kino und den Breitenseer Lichtspielen.
- Fokus: Filmbeiträge zu Geschlecht, Körperlichkeit, Selbstbestimmung und queerer Zeitgeschichte.
Kultur Online TV Redaktio: myScreenGuide