„Denn, wo dein Schatz ist, ist dein Herz“ – so heißt das Nachschlagewerk von Prof. Dr. Armin Dietz zur Geschichte der Herzbestattungen. Der 83-jährige verfasste ein über 900 Seiten starkes Buch, das im Böhlau Verlag erschienen ist.
Der Autor freut sich besonders, dass ihm sein Sohn Christopher, der selbst im Verlagswesen tätig ist, kräftig unter die Arme gegriffen hat, weil er die mehr als 200 Seiten detaillierter wissenschaftlicher Quellen erstellte.

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Wurzeln in der Kindheit
Der gebürtige Schweinfurter war von 1979 bis 2007 Chefarzt des Burghauser Klinikums. Der Kardiologe zieht die Begeisterung für des Menschen wichtigstes Organ allerdings nicht aus langjährigen Tätigkeit. Die Wurzeln für das Interesse an Herzbestattungen liegen in der Kindheit.
Sein Vater nahm ihn oft mit zu besonderen Kirchen. So entwickelte sich eine besondere Beziehung zu den Herzbestattungen, weil er sich unter anderem mit jener von Julius Echter, dem Gründer der Würzburger Universität auseinandergesetzt hat.
Später studierte der Familienvater in Wien, wo der Weg zu den Herzen der Habsburger nicht weit war. Schließlich verschlug es ihn nach Burghausen, der Nachbarstadt Altöttings, wo die Gnadenkapelle einen ganz besonderen Ort für die Wittelsbacher verkörpert.
Die Entwicklung der Herzbestattungen
Armin Dietz hat sich intensiv in die unterschiedlichen lokalen und regionalen Aufzeichnungen über Herzbestattungen eingearbeitet. Er hebt – mit Blick auf die gesamte Geschichte – die erste historisch Belegbare hervor. Diese wird dem 1056 verstorbenen Heinrich III zugeordnet.
Die ersten Bestattungen sind praktisch zu begründen. So konnte zumindest der „wichtigste“ Teil gefallener Helden von den Kreuzzügen oder Kriegen wieder heimgebracht werden. Man musste schließlich der Verwesung trotzen.
Deshalb wurden die Eingeweide und auch das Herz herausgenommen und gesondert transportiert. Den Eingeweiden wurden zudem besondere Kräfte zugeschrieben. Sie waren allerdings von schnellem Zerfall bedroht, wurden deshalb in eigene Gefäßen eingelegt und in diesen transportiert.
Es kam auch vor, dass die Eingeweide, Herzen und Körper an unterschiedlichen Orten ihre letzte Ruhe fanden. Auf diese Weise sollten die mehrfach gebeteten Fürbitten eine besonders große Strahlkraft erhalten.

Copyright Armin Dietz Loretogruft in Wien
Institutionalisierung durch Habsburger/Wittelsbacher
Wurden Herzen an einem ausgewählten Ort bestattet, war dies oftmals mit einer besonderen Intention verbunden. Richard Löwenherz glaubte auf diese Weise seinen Anspruch auf die abtrünnige Normandie manifestieren zu können. Kaiser Maximilian I. (1459 – 1519) wollte sein Herz im Sarg seiner geliebten ersten Frau Maria von Burgund bestattet sehen.
Die prominenteste Wittelsbacher Herzgrablege ist die Altöttinger Gnadenkapelle. In rund 300 Jahren wurden hier 28 Herzurnen beigesetzt. Die Erfüllung dieses besonderen Wunsches begann allerdings nicht mit einem Kurfürsten oder König, sondern mit der Gräfin Lucille Ottilie, der Frau des Grafen Wilhelm von Slavata.
Im Jahr 1633 wollte sie ihren gesamten Körper in der Gnadenkapelle bestatten lassen. Kurfürst Maximilian I schlug diesen Wunsch zunächst aus. Neben der Angst vor einem Präzedenzfall sah er auch die Gläubigen durch die Leichenausdunstungen in Gefahr.
Letztendlich ging der letzte Wunsch dieser großen Gönnerin des Nationalheiligtums in Erfüllung, nachdem alle hygienischen Vorkehrungen seitens des Stiftsdekans und des Kollegialstiftes getroffen waren.
Maximilian I eröffnete 1751 den Reigen bayerischer Herrscher, die ihr Herz in die Hände der Schwarzen Madonna legten. „Interessant ist, dass es viele gab, die ihr Herz im Boden beerdigen ließen, damit die Gläubigen darüber gehen können.

Copyright Armin Dietz Doppelherzurne Karl Vii und Anna Amalia
Dieses Procedere demonstrierte die postmortale Bescheidenheit dieser Menschen“, fügt Dietz hinzu. Der Experte weiß zudem, dass die miteinander eng verflochtenen Wittelsbacher und Habsburger diese Form der Bestattung praktisch zeitgleich ins Leben gerufen haben. Die Habsburger suchten sich unter anderem die eher schmucklose Loretokapelle in der Wiener Augustinerkirche aus.
Sie ist die Heimstätte von 54 Herzurnen. Befragt nach seiner persönlich spannendsten Beziehung zu einem Herzen, antwortet Armin Dietz: „Das ist jenes Otto Habsburgs. Diesen Mann habe ich auch zu Lebzeiten noch erleben dürfen.“
Als er das Buch „Ewige Herzen“ verfasste, bat er den Kaiserenkel um ein Grußwort: „Er schrieb mir sehr nett zurück, lehnte aber ab, weil er zu diesem Zeitpunkt als Europaparlamentarier frisch ins Amt gewählt worden war.“
Dietz möchte die Geschichten zweier besonderen Verbindungen hervorheben. Zum einen nennt er die wunderschöne Doppelherzurne in der Altöttinger Gnadenkapelle, die Kaiser Karl VII (gestorben 1745) und seine Gattin Anna Amalia (gestorben 1756) vereint: „Karl hatte, wie es damals üblich war, einige Mätressen, dennoch wollte er sein Herz neben seiner Frau bestattet sehen, was die enge emotionale Verbindung unterstreicht.“
Prof. Dr. Armin Dietz erzählt eine sehr rührende Geschichte. Nach dem Ende der habsburgischen Monarchie flüchteten Kaiser Karl I. und seine Frau Zita über das Schloss Ehring bei Simbach zuerst in die Schweiz und schließlich nach Madeira, wo der Monarch 1923 starb. „Zita“, so erzählt Dietz, „trug das Herz Karls bis zum ihrem Lebensende in einem Tuch mit sich. Ihre Herzen ruhen im Kloster Muri in der Schweiz.“ In diesem Land finden wir die Wurzeln der Habsburger, deren Stammburg im Kanton Aargau liegt. Der heute in Burghausen lebende Franke unterstreicht zum Schluss eine besondere Gemeinsamkeit, die alle modernen Quellen zu diesem Thema haben: „Altötting wird in allen Quellen erwähnt. Das gilt sogar für die englischen Dokumentationen.
Interessante Kontakte
Der Autor verfasste bereits 1998 ein Buch über diese Bestattungsart mit dem Titel „Ewige Herzen“. Dieses war vor allem für Ärzte interessant. Er zeigt seine gesamten Aufzeichnungen, die er im Laufe der Jahrzehnte erstellt hat.
Als das neue Buch in Planung war, aktivierte Dietz eine Homepage. Über diese meldete sich ein Brasilien. In Rio gibt es ein Luft- und Raummuseum. Er wurde daraus hingewiesen, dass dort das Herz des brasilianischen Flugpioniers Alberto Santos Dumont ruht, der 1932 gestorben ist.
Für die Recherchen des Armin Dietz ist das Internet ein Segen, weil es in diesem vor Hinweisen auf derartige Ereignisse geradezu wimmelt. So kann der geneigte Forscher anhand des Werkes auch erfahren, das der Komponist Frédéric Chopin in der Heilig Kreuz Kirche in Warschau bestattet ist oder die Eingeweide zahlreicher Päpste nicht im Vatikan bestattet wurden.
Sixtus V. war der Erste, der diese 1590 in der Kirche San Vincenzo e Anastasio neben dem berühmten Trevi-Brunner bestatten ließ. Diese Tradition hielt bis ins 19. Jahrhundert hinein.