Ein Abschied als filmisches Denkmal!
„Dokumentarfilm hält länger als der Staat, in dem er entsteht.“ Dieser Satz des verstorbenen Regisseurs Thomas Heise durchdringt wie ein Leitmotiv sein letztes, posthum vollendetes Projekt. Als Heise kurz nach Beginn der Dreharbeiten zu einem Film über Berlin und sein eigenes Leben einer schweren Krankheit erliegt, hinterlässt er nicht nur eine Lücke, sondern einen klaren Arbeitsauftrag an seine Wegbegleiter: „Alles soll weitergehen wie bisher. Auch das Filmdrehen.“
Dass es so natürlich eben nicht weitergehen kann, ist der emotionale und künstlerische Ausgangspunkt von „Übergang“. Doch statt das Projekt abzubrechen, erschaffen der Kameramann Peter Badel, Produzent Heino Deckert und Editor Chris Wright eine berührende und radikale Form der Vollendung.
Montage der Erinnerung und Zeitgeschichte
„Übergang“ ist weit mehr als eine Hommage; er ist ein architektonisches „Denkgebäude“. Neben feinfühligen Beobachtungen rund um die Berliner Schönhauser Allee haben die Filmemacher Heises Nachlass und zahlreiche Archive durchforstet. Bisher unveröffentlichte Texte, persönliche Tagebucheinträge, Fotos und Filmsequenzen werden in einem assoziativen, fragmentarischen Schnitt in einen direkten Dialog mit der Gegenwart gesetzt.
Dabei entsteht kein nostalgischer Nachruf, sondern das präzise Porträt eines unbequemen, wachen Beobachters. Heises Blick blickt unbestechlich durch verschiedene deutsche Staatsformen und Epochen der Zeitgeschichte hindurch. Es ist Kino als Archiv der Zeit, das Kontinuitäten und Brüche deutscher Geschichte spürbar macht.
Inszenierung und Haltung
Das Kunststück von „Übergang“ liegt darin, Heises eigener ästhetischer Radikalität treu zu bleiben. Der Film drängt sich nie in den Vordergrund, sondern vertraut auf die Kraft des Materials, auf die Kargheit und Ehrlichkeit von Bildern und Worten. Es ist ein intimer und zugleich zutiefst politischer Film über das Abschiednehmen, das Weiterführen und die bleibende Kraft des dokumentarischen Blicks.
Fazit
„Übergang“ ist ein tief bewegendes und intellektuell anregendes Dokument über einen der bedeutendsten deutschen Dokumentarfilmer. Ein monumentales Abschiedsgeschenk, das zeigt, wie Erinnerung lebendig bleiben und Kunst den Tod überdauern kann.
⭐⭐⭐⭐⭐ (5 von 5 Sternen)

Kultur Online TV Redaktion: myScreenGuide