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Zwischen Haltung und Schweigen: Brauchen wir eine neue Debattenkultur?

In den letzten Jahren hat ein Begriff die Feuilletons und sozialen Netzwerke im Sturm erobert: Cancel Culture. Was die einen als notwendiges Korrektiv für soziale Gerechtigkeit feiern, sehen andere als digitale Inquisition und Gefahr für die Meinungsfreiheit. Doch jenseits der polemischen Grabenkämpfe stellt sich für eine offene Gesellschaft eine viel fundamentalere Frage: Wie wollen wir eigentlich miteinander streiten?

© Bild: KI generiert 2026 Kultur Online TV-FM

Der schmale Grat zwischen Kritik und Ausschluss

Ursprünglich war das Konzept des „Cancelns“ ein Werkzeug der Ohnmächtigen. Es ging darum, Personen des öffentlichen Lebens für Machtmissbrauch, Rassismus oder Sexismus zur Rechenschaft zu ziehen, wenn Institutionen versagten.

Doch die Dynamik hat sich verändert. Heute trifft der Vorwurf der Cancel Culture oft schon bei Nuancen oder abweichenden Meinungen im ästhetischen und politischen Diskurs. Wenn Lesungen abgesagt, Professoren boykottiert oder Künstler ausgeladen werden, bevor überhaupt ein Gespräch stattgefunden hat, verlagert sich der Fokus: Weg vom Inhalt des Arguments, hin zur Person des Sprechers.

Die Angst vor dem „falschen“ Wort

Die Folge dieser Entwicklung ist eine schleichende Verengung des Korridors dessen, was öffentlich sagbar scheint. In Kultur- und Bildungskreisen macht sich eine „Schere im Kopf“ bemerkbar. Wer befürchten muss, für eine unglückliche Formulierung oder eine unpopuläre These sofort sozial geächtet zu werden, wählt lieber das Schweigen.

Doch eine lebendige Diskurskultur lebt vom Risiko. Sie braucht den Widerspruch, das Experiment und auch das Recht, sich zu irren. Wenn wir den öffentlichen Raum nur noch als Safe Space begreifen, in dem niemand mehr irritiert werden darf, verliert die Kultur ihre wichtigste Funktion: Reibungsfläche zu sein.

Plädoyer für eine neue Ambiguitätstoleranz

Was wir brauchen, ist eine Rückkehr zur sogenannten Ambiguitätstoleranz – also der Fähigkeit, Mehrdeutigkeiten und andere Meinungen auszuhalten, ohne sie sofort vernichten zu wollen.

Diskurs bedeutet, dem Gegenüber erst einmal zu unterstellen, dass er einen validen Punkt haben könnte, anstatt sofort nach dem einen Satz zu suchen, der ihn diskreditiert. Soziale Medien neigen zur Verkürzung. Echte Debattenkultur benötigt Kontext und Zeit. Wir müssen Menschen zugestehen, dazuzulernen. Wer einmal falsch lag, darf nicht lebenslang „gecancelt“ bleiben.

Fazit

Kultur ist kein Zustand, sondern ein Prozess. Eine Gesellschaft, die das Streiten verlernt, verliert ihre Fähigkeit zur Selbstreinigung. Es geht nicht darum, Hassrede zu akzeptieren –

Es geht darum, den Unterschied zwischen einer schmerzhaften Meinung und einer Verletzung der Menschenwürde wieder klarer zu ziehen. Nur im echten Austausch, dort wo es auch mal wehtut, entsteht der Fortschritt, den wir als moderne Gesellschaft so dringend brauchen.

Andreas Schwarz

Kultur Online FM

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